Insel der verlorenen Erinnerung von Yoko Ogawa

Man stelle sich eine Welt vor, in der Dinge verschwinden. Ihre Erinnerung verblasst komplett und es kann jedem Gegenstand passieren. Wie auf einer kleinen namenlosen Insel, wo die Einwohner am Morgen aufwachen und wissen, heute verschwindet was. Doch was ist mit den Menschen, die nicht vergessen können? Und was tut die Erinnerungspolizei?

Diktatur auf einer namenlosen Insel

Die Autorin Yoko Ogawa hat mit ihrem Roman “Insel der verlorenen Erinnerung” (engl. The Memory Police) einen eindrücklichen und philosophisch-dystopischen Roman geschrieben. Der mit seinem Setting: Namenlose Insel, ein unangetastetes Regime, Polizeigewalt und mit dem philosophischen Gedanken, gut neben Klassikern, wie “Fahrenheit 451” stehen könnte.

Der Roman hat seinen ganz eigenen Lesesog, so fängt es alles zunächst sehr gemütlich an auf der scheinbar idyllischen Insel und der Verlust der Erinnerung kommt der Protagonistin, einer Schriftstellerin, nicht besonders dramatisch vor.
Mehr und mehr lernen wir sie kennen, erfahren, dass ihre Mutter von der Erinnerungspolizei abgeholt wurde und nie zurück gekehrt ist, dass sie seit Jahren alleine lebt und wie die Situation um sie herum immer angespannter wird.
Immer häufiger sieht sie die Erinnerungspolizei bei ihren Einsätzen in der Nachbarschaft oder in der Stadt, kommt sogar in Kontakt mit einer Familie, die auf der Flucht ist, bis jemand in ihrem Umkreis gesteht, dass er sich noch erinnern kann an die verschwundenen Dinge.

“Das Herz kennt keine Grenzen, es hat keine Konturen. Es kann praktisch alles in sich aufnehmen und jede denkbare Form annehmen. Es reicht in unendliche Tiefe hinab. Wie das Gedächtnis.”

Insel der verlorenen Erinnerungen – Yoko Ogawa
Die Bedeutung von Erinnerungen

Ab dem Zeitpunkt liegt eine gewisse Spannung in dem Roman und die negative Utopie beginnt sich ganz zu entfalten, als auch die Situation auf der Insel immer schwerer wird, die Menschen aber weiterhin alles annehmen wie es kommt. Unsere Schriftstellerin beginnt zu kämpfen gegen das Vergessen, auch wenn ihre einzige Hoffnung ist, dass die Erinnerungspolizei selbst bald zu den Dingen gehören wird, die man vergessen wird.

Immer wieder dreht sich die Geschichte um den Wert von Erinnerungen und ob es leichter ist mit ohne sie zu leben. Und was bleibt von uns übrig, wenn selbst die Fotografien verschwinden?

Sehr eindrücklich und schrecklich zeigt Ogawa was passieren könnte, wenn wir Dinge vergessen. Was es aus uns machen würde, aus unseren Umfeld und wie das Lebens aussehen könnte. Für mich war es kaum vorstellbar, wie drastisch es sich auswirken kann.

Zum Nachdenken und Parallelen

Es ist eine Geschichte, die einen zum Nachdenken bringt und uns vergleichen lässt mit den vielen schrecklichen Situationen gerade auf der Welt. Das war bestimmt mitunter auch ein Grund für die Nominierung zum National Book Award 2019 und 2020 für den International Booker Prize.
Die Interpretationsbreite für den Roman ist groß und es gibt viele Texte die sich damit tiefer beschäftigen und diverse parallelen aufzeigen.

Mich hat das Buch eher über den Wert von Dingen, bzw. Erinnerungen nachdenken lassen, aber auch über die Willkür, der ein Mensch ausgesetzt sein kann.

Fazit

Der Roman “Insel der verlorenen Dinge” hallt noch nach, wenn man es gelesen hat. Es ist kein Buch mit dem man gleich abschließen kann, wobei es auch keines ist das mich mit negativer Stimmung zurück lässt, so meine ich das nicht. Man muss einfach darüber Nachdenken und es auf sich wirken lassen.
Mit einer gekonnten Leichtigkeit erzählt Yoko Ogawa eine negative Utopie über Werte, Willkür und Hoffnung. Für Fans der asiatischen, bzw. japanischen Literatur und für Fans von Romanen mit philosophischen Anklang.

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