Ich hatte ehrlicherweise ein bisschen Respekt vor diesem Buch. Historischer Stoff, ein tyrannischer König, politische Intrigen, Mord, Rebellion – das klang nach großem Drama. Und dann auch noch YA. Ein Genre, das ich seit Jahren kaum noch lese. Aber genau diese Mischung aus koreanischer Geschichte und K-Drama-Vibes hat mich dann doch neugierig genug gemacht, es zu wagen.
„Ein Kranich unter Wölfen“ von June Hur spielt zur Zeit von König Yeonsan – einem Herrscher, der historisch als grausam und machtbesessen gilt. Frauen werden verschleppt, Familien zerstört, Angst regiert den Hof. Schon das Setting bringt eine Schwere mit, die man beim Lesen deutlich spürt.
Im Mittelpunkt stehen Iseul, die ihre vom König verschleppte Schwester retten will, und Prinz Daehyun, Halbbruder des Tyrannen, der selbst in permanenter Lebensgefahr schwebt. Politik, Hofintrigen, ein Hauch Rebellion – und mittendrin ein Mordfall, der zusätzliche Spannung ins Spiel bringt.
Was mir wirklich Spaß gemacht hat: der Einstieg. Der Roman legt schnell los, zieht einen direkt in die Palastwelt hinein, mit all ihren Machtspielen und taktischen Manövern. Gerade die Passagen rund um Strategien, Bündnisse und politische Ränkespiele haben dem Ganzen ordentlich Wucht verliehen. Und ja – ich hatte großen Spaß daran, mitzurätseln, wer hinter allem steckt. (Meine sehr frühe Vermutung war tatsächlich richtig, was mir ein kleines inneres High Five beschert hat.)
Man muss aber ganz klar sagen: Das ist YA Fiction. Und ich habe seit Jahren kaum noch YA gelesen. Vielleicht war genau das der Grund, warum ich stellenweise über die etwas sperrigere Sprache oder kleinere Unstimmigkeiten gestolpert bin. Nicht alles liest sich ganz flüssig, manche Wendungen wirken etwas bequem für die Hauptfiguren konstruiert – aber trotzdem hatte ich überraschend viel Freude daran.
Iseul ist keine klassische Sympathieträgerin. Zu Beginn wirkt sie verwöhnt, teilweise egoistisch, ihre Beziehung zur Schwester ist kompliziert. Dass sie später alles riskiert, um sie zu retten, ist emotional stark – auch wenn ich ihre Motivation nicht immer ganz rund fand. Sie wächst im Verlauf der Geschichte, wird empathischer, reifer. Trotzdem blieb ich ein kleines bisschen auf Distanz.
Daehyun hingegen war für mich zugänglicher. Seine tragische Vergangenheit, sein stiller Widerstand gegen den König, seine innere Zerrissenheit – das hatte für mich mehr emotionale Tiefe. Interessant auch, wie mit Privilegien gespielt wird: Obwohl er Prinz ist, wirkt er weniger überheblich als Iseul.
Die Romance? Für mich nicht der stärkste Part. Ich hatte auf ein intensiveres Enemies-to-Lovers-Knistern gehofft. Stattdessen war es eher ein langsames „Wir mögen uns eigentlich nicht … oder vielleicht doch?“. Solide, aber nicht elektrisierend.
Der zusätzliche Mystery-Strang war clever konstruiert und durchaus spannend, fühlte sich für mich aber ein wenig wie ein drittes großes Element an, das neben politischem Umsturz und emotionaler Geschwistergeschichte fast schon zu viel war. Gut gemacht – nur vielleicht nicht zwingend nötig.
Unterm Strich:
Kein perfektes Buch. Hier und da holprig. Manche Twists etwas bequem.
Aber: Als Fan von Historical K-Dramas hatte ich wirklich eine gute Zeit. Palastintrigen, verbotene Nähe, tragische Geschwisterbindung, moralische Grauzonen – das wird definitiv seine Leserschaft finden. Gerade wer YA mag oder wieder Lust auf dieses Genre hat, dürfte hier voll auf seine Kosten kommen.
Für mich war es ein unterhaltsamer Ausflug zurück in die YA-Welt – und ein Reminder, warum June Hur im historischen Jugendbereich so viele Fans hat.
