Was für ein wilder Ritt! Monika Kims Debüt Das Beste sind die Augen ist eine literarische Mischung aus familiärem Drama, bissiger Gesellschaftskritik und makaberer Body-Horror – und das auf eine so ungewöhnlich elegante, eigenwillige Art, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Zunächst denkt man, man bekommt ein ruhiges Coming-of-Age über die koreanisch-amerikanische Identität – und plötzlich steht man bis zu den Knöcheln in metaphorischer und wortwörtlicher Augensuppe. Ja, Augen. Viele davon. Aber keine Sorge: Das Buch ist ebenso klug wie grotesk.
Den Roman habe ich als Buch gelesen, wie auch als Hörbuch mir angehört – im Wechsel. Und es ist wunderbar eingesprochen von Christiane Marx, die wunderbar die Atmosphäre, die Distanz und die inneren Konflikte herausgebracht hat.
Im Zentrum steht Ji-Won, 18 Jahre alt, älteste Tochter in einer dysfunktionalen Familie, deren Vater sich verdrückt hat und deren Mutter emotional völlig abstürzt – bis sie einem weißen Mann begegnet, der sie vermeintlich rettet. Doch was wie ein leiser literarischer Roman beginnt, verwandelt sich zusehends in ein düsteres, verstörendes Rachemärchen voller feministischer Rage, psychologischer Spannung und schwarzem Humor.
Monika Kim schreibt mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe über Rassismus, Sexismus, Fetischisierung und das Leben als junge Frau in einer Welt, die lieber exotisiert als versteht. Manche Dialogzeilen von Ji-Won sind irre, und besonders interessant waren die Einwürfe von Ji-Wons inneren “Rage”, die fettgedruckt wurde.
Die Traumsequenzen, in denen Augen gegessen, gespürt, geschmeckt werden, sind bildhaft, dass es bei mir an die Grenze ging – und doch konnte ich nicht aufhören zu lesen. Es ist kein Splatter-Horror oder bleibt stark im Gedächtnis, es ist eher eine psychologische, symbolisch aufgeladene Körpererfahrung, die lange nachwirkt.
Die Figuren? Komplex, vielschichtig, teilweise abscheulich. Besonders George – ein Paradebeispiel toxischer Exotikfantasien – hat in mir eine Mischung aus Ekel und Wut ausgelöst. Ji-Wons Mutter hingegen ließ mich oft nur noch den Kopf schütteln. Die Familiendynamik ist gespalten und manchmal tragisch.
Und dann ist da Ji-Won selbst – seltsam, clever, überfordert, wütend, witzig, halluzinierend – eine Figur, die man nicht „lieben“ muss, aber deren Perspektive man sich nicht entziehen kann. Ich habe sie gefeiert, selbst in ihren fragwürdigsten Momenten.
Kleine Kritikpunkte? Ja – Ji-Won ist eine unfassbar schlechte Serienmörderin. Und das Ende kam mir etwas zu rund daher. Aber ganz ehrlich: Es hat mich trotzdem glücklich gemacht.
Das Beste sind die Augen ist eine blutige, schlaue, verstörend unterhaltsame literarische Ausnahmeerscheinung. Für alle, die keine Angst vor unbequemen Themen, feministischer Wut und ungewöhnlichen Geschmäckern haben (Wortspiel beabsichtigt!). Ich will mehr von Monika Kim. Unbedingt.
